aa Evangelische Kirchengemeinde St. Tönis
Evangelische Kirchengemeinde St. Tönis

 

 

Neue Glocken für die Kirche in St. Johannis/ Järva-Jaani

Helene von Schilling, Januar 2012

 
Im Laufe der Jahrhunderte sind in St. Johannis/ Järva-Jaani drei Glocken geläutet worden. Die 1634 von Bogislaus von Rosen geschenkte Glocke und eine weitere 1912 gegossenen Glocke hatten bereits Anfang des 20. Jh. durch Sprünge ihre Stimme verloren. Als nun auch die älteste, 1478 gegossene Glocke schadhaft geworden war, fügte es sich, dass die Kirche im Rahmen eines weitgehend von der EU finanzierten Projektes zwei neue Glocken bekommen konnte, da der Glockenstuhl ursprünglich auch für zwei Glocken vorgesehen war. Von den Gesamtkosten (563.550,-Euro) entfielen 10% auf die Gemeinde und mussten durch Spenden aufgebracht werden. In der Auflistung der Spender (Verwaltung, Betriebe, Nachbargemeinden etc.) ist die große Anzahl der Einzelspender (über 160!) beeindruckend.

Der Beitrag unserer Kirchengemeinde (3.000,-Euro) ist mit großem Dank entgegen genommen worden. Die Beteiligung der St. Töniser Gemeinde an diesem für St. Johannis so bedeutenden Projekt ist ein Zeichen für die in nahezu 20 Jahren gewachsene Partnerschaft. Dies umso mehr, als nun mehrere Mietglieder unseres Presbyteriums und Partnerschaftsausschusses, sowie mein Vetter Helmuth von Schilling, zusammen mit Pastorin Melder und Kuno Agan (Vorsitzender des Gemeinderates) aus St. Johannis am 23.11.2011 das Gießen von einer der zwei Glocken in Gescher, in der Glockengießerei Petit& Edelbrok erleben konnten.

Beim Betreten der Gießhalle fiel unser Blick auf die größere Glocke, die nach dem Guss aufgebockt „ruhte“. Die kleinere Glocke war - wie bei Schiller zu lesen ist - „festgemauert in der Erden zum Guss bereit“. Bevor der glühende Tiegel mit der auf über 1000°C erhitzten Glockenspeise herangeführt wurde, sprach Pastorin Melder (estnisch) Psalm 148,13 und Pastorin Büscher-Bruch (deutsch) ein Gebet, dem das gemeinsame „Vater, unser ...“ folgte. Inzwischen hatten die Gießereiarbeiter den Tiegel in die richtige Position gebracht und führten ihn mit ruhiger und sicherer Hand so, dass der glühende Strahl seinen Weg in die Glockenform fand.

Als zum Abschluss Holzkohle auf die Gussöffnung gehäuft wurde, löste sich die Spannung bei den Zuschauern, die den Vorgang, im Bewusst-sein etwas Besonderes
erlebt zu haben, nahezu atemlos verfolgt hatten.

Tags drauf flogen die Ester wieder nach Hause, um die Glocken
am 7.12. in St. Johannis in Empfang zu nehmen. Sie wurden zunächst in der Kirche aufgestellt, damit alle Gemeindemitglieder sie in Augenschein nahmen konnten.

Für meinen Vetter und mich erfuhr das „Gusserlebnis“ durch die Möglichkeit in St. Johannis an der Glockenweihe teilnehmen zu können noch eine Steigerung. Der Festgottesdienst fand am Sonntag (11.12.2011) um 11 Uhr (Ortszeit) statt. Trotz nur 1,8°C war die Kirche voll besetzt. Zeitgleich wurde auch in St. Tönis der Glockenweihe gedacht. Im Gottesdienst amtierten (in Vertretung des Erzbischofs) Propst Salumäe aus Hasal, der auch die Predigt: 5. Mose 18, 15-19 hielt, Pastor Linnasmäe (in Vertretung des Propstes vom Landkreis Jerwen) und Pastorin Katrin Melder.

Nach der Predigt segnete Propst Salumäe die Glocken und schlug sie einmal an ... Danach wurden die offizielleren Teilnehmer der Feier, zu denen ich als Vertreterin der Gemeinde St. Tönis und mein Vetter für die 1502 Jahre im Kirchspiel St. Johannis ansässig gewesene Familie Schilling gehörten, aufgerufen und durften die große Glocke einmal anschlagen! Nach Fürbitte, Vater unser und dem Segen endete der Gottesdienst mit einem vom Chor gesungenen Lied, das
die Organistin - Nadja Parts - für die Glockenweihe gedichtet hatte „Irgendwo läuten wieder Kirchenglocken...“ Der Bläserchor blies, wie zu Beginn des Gottesdienstes, vom Turm, was in der Kirche leider nicht zu hören war.
Nach dem Gottesdienst versammelten sich alle im Kulturhaus, wo Gruß- und Dankreden gehalten wurden. Katrin Melder und Kono Agan über-reichten zahlreichen Spendern sehr hübsch gestaltete Dankschreiben.

Im weiteren Verlauf wurde ich in
Anerkennung langjähriger Unterstützung der EELK (Estnische evangelisch-lutherische Kirche) mit einer Verdienstmedaille der Kirchleitung ausgezeichnet. Diese Medaille ist anlässlich der 1991 wieder erlangten Selbständigkeit als Dank für die Unter-stützung der Kirche in diesen 20 Jahren gestiftet worden. Nach Aussage von Katrin Melder wird/ wurde sie größtenteils an Ausländer verliehen. In meinem Dank habe ich zum Ausdruck gebracht, dass ein großer Anteil dieses Verdienstes unserer Gemeinde St. Tönis zukomme, die meine Anfrage 1989 nach einer möglichen Unterstützung der Kirche in Estland sofort aufgegriffen habe. Für die inzwischen gewachsene Partnerschaft sei der gemeinsam erlebte Glockenguss zu einem Meilenstein dieser Verbindung der beiden Gemeinden geworden. Die Mitteilung, dass dem nächst ein Taufstein aus St. Tönis nach St. Johannis kommen werde, wurde mit Freude und Dank aufgenommen. Am Montag konnten wir noch dabei sein, als die Glocken auf den Turm gehisst wurden. Doch dann hieß es Abschied nehmen von diesem erlebnisreichen, bewegen-den Tagen und von der großen Herzlichkeit, die uns entgegengebracht worden war.
 

Beschreibung der Glocken


Das Relief der großen Glocke bilden je 3 Kornblumen und Ähren. Drei als Symbol der Dreieinigkeit. Die Kornblume ist die nationale Blume der Esten, und in der christlichen Kunst „Beständigkeit“. Die Ähren aus dem Ortswappen symbolisieren das fruchtbare Land Jerwen und in der christlichen Kunst „das Fruchttragende“. Als Losung steht oben Psalm 148,13 „Rühmet den Namen des Herrn, denn seine Ehre reicht soweit Himmel und Erde sind.“ Darunter symbolisiert ein Kranz aus Marienlilien Estland als „Marienland“ (zurzeit der Christianisierung). 

Das Relief der kleineren Glocke zeigt Johannes den Täufer, der im lin-ken Arm ein Lamm hält und mit der rechten Hand auf dieses weist. Die Losung dieser Glocke ist „Sehet, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“ (Ev. Joh. 1,10). Das Wellenband unter dem Spruch symbolisiert die Taufe am Jordan.
Auf dem Schlagrand beider Glocken steht „Ich wurde für die Kirche in Järva-Jaani gegossen. AD 2011“. Auf der kleineren Glocke als Zusatz“... und Johannesglocke genannt.“
Auf der Rückseite beider Glocken ist das Wappen der Gießerei Petit&Edelbrok zu sehen.
Abschließend ist es mir ein Bedürfnis, allen Mit-gliedern unserer Gemeinde sehr herzlich dafür zu danken, dass ich durch Ihr Engagement für St. Johannis dieses außergewöhnlich schöne Erlebnis haben konnte.

 

 

 

 

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